Ein ernsthafter, unabhängiger und ungeschönter Testbericht: MT-01 kaputt gespielt.

Beim BUELL-Stammtisch in Günthers Kurve fing alles an. Völlig nichts ahnend steckte ich mir am letzten Sonntag beim Rausgehen die aktuelle Zeitung Motorrad Kontakte in die Tasche und nahm sie mit nach Hause.

Heute früh dann, hab ich kein Bock zum Aufstehen. Der Kater zerrt an der Bettdecke. (Jaja, ich komme ja schon!) Ich krempel mich aus der warmen Decke, schlurfe in die Küche, werfe dem gierigen Raubtier einen Batzen Fleisch vor und eile zurück ins Bettchen. Im Vorbeirauschen greife ich nach der herumliegenden Zeitschrift vom Sonntag und nehme sie mit ins Behagliche. Ich blättere ziellos darin herum. Träume von vergangenen Zeiten mit der schwarzen Lady. Ach ja, wie schön wäre es, mal wieder am Hahn zu drehen… das Krachen im Gebälk zu spüren, wenn die zwei Zylinder ihre Kraft entfalten… den Druck am rechten Schenkel zu fühlen, während die Drehzahl über dreieinhalb geht… die panischen Blicke der Japan-Köche, wenn sie glauben, ihr Mopped ist ausgegangen, nur weil sie es nicht mehr hören können…

Seuftz. Ja, das war einmal…
Plötzlich ein Geistesblitz. Da war doch was. Ich blättere zurück. Aha, da steht es: Einfach mieten…
Oh ja! Mieten! Na klar! Mieten! Hätte ich auch selbst drauf kommen können…
Motorent preist unerbittlich seine Konditionen an. 45 Euronen pro Tag, inklusive 300 Freikilometer. Na Klasse! Die angeschlossenen Fachhändler sind praktischerweise gleich mit aufgelistet. (Ja, die wissen schon, wie man verzweifelte Menschen auf Entzug ins Verderben führen kann.) Mein Blick bleibt bei einem Händler im Umkreis hängen. Er hat eine Internet-Seite. Schwupp. Ich bin hellwach.

Mist, warum ist es so schwer, sich aus dem Bettzeug zu wickeln? Wieso dauert es so lange, bis der Rechner hochgefahren ist…?
Tipp, tipp, tipp – ahhhhhhh! Ohhhhhh!
Ach, ein Yamaha-Händler…
Soso.
Sieht ja ganz professionell aus. Oho, eine MT-01 haben die auch zum Vermieten! Interessant…
Hm.
Berichte von begeisterten Testfahrern klingen in meinen Ohren: Endlich was zum Anpacken – die MT-01 ist kein magersüchtiges Supermodel-Mopped…, (aha), …ein echter Männer-Ofen… (für mich gemacht), …konsequent auf Sport getrimmt… (grins).

Mein Puls geht schneller. Neulich sah ich noch einen Kerl mit so einem Dampfhammer in unserer Kleinstadt. Klang eigentlich ganz gut. Auf der Messe hat sie mir ja nicht so gefallen. Hm. 1.700 Kubik (boah). Ich stelle mir vor, wie die Herren vom OWL-Stammtisch mitleidsvoll auf das Firmenschild gucken: „Yamaha. Soso. Du bist jetzt Reisfresser?“ Und sie dann bei der Ausfahrt merken, dass 1.200 Kubik längst nicht alles sind. Es juckt mir in den Fingern, die …zwei Kolben, so groß wie Bierkrüge… mal auszuschlürfen.
Doch mein Gewissen fragt: „Darf man es als Ex-BUELLer wagen, japanische Feinstmechanik zu berühren? Darf man sich noch beim Stammtisch blicken lassen, wenn man im Hinterkopf hat ich hab es getan?

Der Reiz, etwas Verbotenes zu tun, ist enorm. (Ich könnte es ja zur Not auch geheim halten.)
Ich suche nach meinen Mopped-Klamotten. Der Simpson hat ne Staubschicht wie Omas Eiche-Rustikal-Schrankwand. Ich suche meinen Helmreiniger. Ach, wozu? Der Wirbelsturm, der mein Visier treffen wird, macht die Sicht wieder frei.
Frühstück? Mumpitz, da hab ich dann wenigstens nichts zum auskotzen, wenn der Wellengang des Asphalts meinen Hang zur Seekrankheit auslöst.
Rein ins Auto, losgefahren.

Beim Yamaha-Händler angekommen:

Komische Blicke in meine Richtung, ich gucke vorsichtig zurück.
Ein Herr in Yamaha-Kluft kommt zu mir rüber. „Was kann ich für Dich tun?“
„Ich bin mir noch nicht sicher (doch, bin ich). Ich interessiere mich vielleicht für die MT-01. Möchte sie mal mieten, um zu testen, ob das was für mich ist.“

Der Mann kriegt €-Zeichen in den Augen.
„Ja, da haben wir hier ein Blabla-Modell. Es ist ein Motorrad für außergewöhnliche Menschen (hechel). Ich gebe Dir hier mal den aktuellen Prospekt. Schau mal. Da kann man dann noch die Sitzbank… blabla. Und ich zeige Dir hier mal was … unser einer Kunde, der hat vorher eine Fazer gefahren, blabla, sülz… (Ja, Mann, den Trick kenne ich aus Klamottenläden: Dieses Modell habe ich auch zu Hause… Sülz…) Er zückt sein Handy und zeigt mir, dass besagter Kunde SMS-Nachrichten schreiben kann. Ich kann irgend was mit …das ist das beste Motorrad, das ich je gefahren habe… lesen, während der Herr mit dem Kommunikations-Weltwunder vor meiner Nase rumfuchtelt. Ich kann mir das fette Grinsen des SMS-Schreibers förmlich vor Augen führen. Hatte auch mal so ein Grinsen … gelbe X1 … Vorführer von BUELL-Hannover … V&H Tüte drunter … good Vibrations…

Als ich wieder zu mir komme, hat der Mann in rot-schwarz mir gerade den aktuellen Zubehör-Prospekt zur MT-01 rausgefischt und erklärt mir, dass es zum Mopped noch das entsprechende Outfit gibt. (Bin ich so schlecht angezogen?) Stolz kredenzt er mir das Hochglanz-Teil mit Abbildungen von knackigen Mädels und coolen Typen in Mad-Max-Style. Von irgendwo strahlt mir ein komisches Logo entgegen, dann werde ich über Brillenmode zur MT-01 aufgeklärt. „Ja, eine passende Brille gibt es auch, die Fahrer der MT-01 sind eben anspruchsvolle Leute, das ist eine ganze Bewegung, hier ein tolles T-Shirt, und überall das Logo drauf, und man kann sich voll damit identifizieren…“ Der Mann läuft zur Hochform auf. Ich frage mich, ob die bei Yamaha mir ihren Vertragsleuten solche Verkaufstrainigs abhalten, wie die bei Vorwerk.

Unterdessen zeige ich mich vorsichtshalber mal beeindruckt. (Klar, eine BUELL-Basecap habe ich ja auch. Merchandising ist ja nicht schlecht.)
Ich schaffe es irgendwie, dass wir zum Hauptthema zurückkommen. (Ich will das Ding knattern hören.)
Er lotst mich durch die Werkstatt zur Halle. Da stehen massenhaft Reiskocher. Ich werde vorsichtig, denn die Dinger gucken mich aus bösen Augen an. Ich spüre, wie mir der Angstschweiß ausbricht. (Gibt es so etwas wie einen siebten Sinn bei Moppeds? Ahnen diese Säuselmaschinen, dass ich ihresgleichen damals gleich reihenweise von meiner BUELL aus verspottet habe?)

Der Herr räumt einen Roller bei Seite und hantiert mit Stolz geschwellter Brust an einer dunkelblauen MT-01 rum. Ich bemerke seinen Redeschwall nur am Rande und betrachte den Haufen Metall. (Hat aber fette Dinger – äh, Krümmer – die Else. Eigentlich ist das kein Mopped, sondern eine Walküre.) Der Yamaha-Mann erzählt mir so Sachen, dass ich die BUELL ganz locker vergessen werde, wenn ich erst diese Maschine durch die Kurven gewedelt habe. (Ich wundere mich über die fette Sitzbank und stelle mir einen 140-Kilo-Arsch darauf vor.) Wieder erzählt der Mann von einer anderen Ausstattung, und dass, wenn man die Einer-Bank drauf macht, die sicher etwas schmaler wird. Blabla… (Ja, ja, ist ja gut, Mann. Ich will doch nur…)

Ich soll mal Platz nehmen.
Ich tue wie mir geheißen und fühle mich ganz gut platziert, auch wenn sich mein 60-Kilo-Arsch auf der Bank etwas verloren vorkommt. (Ich will jetzt aber auch fahren.)
Der Herr predigt mir die Zehn Gebote der Kurventechnik und schwärmt von Fahrwerksabstimmung und so High-Tech-Kram. (Ja, ein Federbein hat das Mopped, aha.) Wenn er redet, scheint es, als ob er denkt, ich kann ein Mopped nicht von einer Kuh unterscheiden. (Vielleicht glaubt er, dass ein Ex-BUELL-Fahrer erst mal über echte Moppeds aufgeklärt werden muss.)
Aber er hat mit seinen Ausführungen immerhin meinen Kampfgeist geweckt. Ich spüre ein unglaubliches Verlangen, die Walküre in Wallung zu bringen. (Kann ich diese 270 Kilo Lebendgewicht überhaupt bewegen? Wird mich die Dicke abwerfen, als wäre ich ein schlechter Liebhaber oder wird sie meine zarte Hand gewähren lassen?)

Ich frage scheinheilig, wie lange im Voraus man sich für eine Probefahrt anmelden muss.
Der Yamaha-Mann schaut mich großzügig und listig zugleich an. „Wenn Du willst, kannst Du gleich fahren.“ (Es gibt einen Gott, der auch freitags nachmittags ein Ohr für seine Schäfchen hat.)
Wir erledigen die Formalitäten.
Als ich meinen Ausweis zücke, steckt da ein Bild von meiner schwarzen Schönheit. Ich lasse sie dezent verschwinden. Meine Ex soll nicht durch die hämischen Blicke eines Reistopf-Verkäufers entehrt werden. Ich müsste den Kerl anschließend … Nein, nein. Schon gut. (Scheiß hochnäsige BUELL-Fahrer…)

Ich zwänge mich in meine Kluft. Da hängen noch die Trophäen von dem letzten Ritt auf meiner X1. Bei dem Anblick schmerzt mein Herz. Doch ich konzentriere mich lieber auf die bevorstehende Hochzeit mit einem Elefanten.
Die Werksangestellten verfolgen meine Verwandlung mit ihren Blicken. (Fragen die sich auch, ob sich die Dicke zwischen meinen schmalen Schenkeln willig hingibt?)
Ich scharre mit den Hufen des Teufels. (Könnte ich jetzt bitte endlich…)
Ein Werks-Herr führt das Schlachtross nach draußen. (Klar, die wollen es mir ersparen, mich gleich zu Anfang zu blamieren, indem ich die Dicke nicht mal aus der Garage schieben kann.)
Unter den Blicken der Herren besteige ich Walküre und gebe ihr zart die Sporen.

Es brummt.

In alter X1-Fahrer-Manier gebe ich ihr einen ordentlichen Schenkeldruck und sie wirft ihr Gewicht nach vorn. Huch! Ein Grinsen huscht über mein Gesicht. Wir fahren!
Zwei mal rechts und dann aus der Stadt. Auf der Bundesstraße ein leichter Zug am Kabel. Die Dicke lässt mich erahnen, was Masse mal Beschleunigung bedeutet. Der Wind pfeift ordentlich durch die Lüftungsschlitze im Simpson. Wow!

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Ich beginne jede Reaktion der Maschine mit denen der X1 zu vergleichen.
Lastwechsel. Der Herr bei Yamaha sprach von Lastwechseln. Der Kerl hat offensichtlich noch nie die Tücken einer X1 kennen gelernt. Ich halte die MT intuitiv aufmerksam am Gas (Hallo! Dies ist keine X1 – Du musst also keine Angst haben, dass die kalte Zicke bei der nächsten passenden Gelegenheit absackt. Fahr ganz ruhig…)
Pluspunkt: Keine Kalt-Start-Problem-Erscheinungen bei der MT-01.
Ich weiß noch nicht wohin. Lasse uns bei der nächsten Gelegenheit von der Bundesstraße abtropfen. Wir wollen Kurven! (Der Yamaha-Mann und die Testfahrer der Mopped-Magazine schwärmten doch so sehr von der wahnsinnigen Kurvenlage der Dampfmaschine.)
…Schon der satte Schlag des Langhubers im Leerlauf stellt die Nackenhaare auf. Dieser Klang, diese Vibes sind der Oberhammer!… (Na ja. Die haben halt noch alle keine X1 unter ihrem Hintern gespürt.)
Wir kreuzen munter drauf los. In den Ortschaften gucken uns die Leute hinterher. (Hm. Wenn ich mit der X1 … da haben sich die Kinder die Ohren zu gehalten … jetzt guckten sie nur begeistert. Ist das in meinem Sinne?)

Es geht bergauf und in den Wald. (Oh Kurve! Yippie!) Wir gehen sie langsam an. Cool! Ich schalte in den dritten Gang und gucke in die Kurve. Die Walküre kippt in eine seichte Schräglage und zieht mich dann geschmeidig wieder hoch. Boah ey! Die kann was! Die fährt da hin, wo ich hingucke. Einfach so. Kein Ruckeln, kein Aufbrüllen einer besengten Sau – einfach ein kraftvolles, ununterbrochenes Nach-vorne-Drängen. (Ich grinse ja schon wieder.) (Bitte X1, verzeih mir.)

Wir wedeln durch bewaldete Hügel und ich merke; da geht mehr.
Ich kenne die Strecke nicht, weiß nur so ungefähr wo ich bin. Also möchte ich nicht zu viel wagen, auch wenn es kitzelt und kribbelt. Wir pirschen uns an eine 90-Grad-Linkskurve. Ich schalte vorsichtshalber in den Zweiten (bräuchte ich gar nicht). Wir schwingen uns runter und ich ziehe am Hahn. (Komisch, meine Arme werden immer länger…) Geeeeeeeeeeiiiiiiiiiiiil!
Ich habe das Gefühl zu segeln. Wir sind ein Team und beflügeln uns gegenseitig. Sie grinst in sich hinein – ich spüre es.

Einige Dörfchen weiter merke ich, dass ich in der Gegend schon mal war. Wenn ich hier noch abbiege und das Dorf nehme, dann… Es schießt durch meinen Kopf: Haarnadelkurven! Serpentinen! Den Berg rauf! Ja! Die so genannte Rühler Schweiz. (Och, wenn ich mich beeile, dann könnte ich auch noch zum Köterberg… den Aufrecht-durch-die-Kurve-Weicheiern mal die Hörner zeigen… Wo sind eigentlich die anderen Freitags-Nachmittags-Heizer? Ich will Publikum!)

Wir erreichen die erste Haarnadelkurve. Ich gebe der Dicken kurz bescheid, was kommt. Ein leichter Schenkeldruck, ich rutsche neben die Sitzbank. Wir legen uns tief und ich gucke in Fahrtrichtung bergauf. Da: Ein Scheppern! Ein Schleifen! Walküre bäumt sich auf und springt aus der Richtung. Ich fange sie ein und gehe wieder runter. Es schleift. Die Kurvenlage ist dahin. (Hoffentlich sieht mich keiner.) Während die Dicke mich unerbittlich den Berg hinauf und auf die nächste Haarnadelkurve zu zieht, denke ich daran, wie ich vorhin zu dem protzenden Yamaha-Herrn sagte, dass die Fußrasten ganz schön weit unten sitzen…
Was antwortete er noch? Ich glaube, es war was mit so weit bringt die eh keiner runter. (Scheiße. Ich war doch gar nicht so weit unten. Hier bin ich doch schon mit der BUELL…
Hier stimmt was nicht.)

Die Linkskurve naht. Wir gehen runter – diesmal vorsichtiger. Es schleift. Verfluchter Mist! Was soll das? Ich verdrehe mir das Fußgelenk, weil die Raste hochklappt. Argh!!
Wir donnern voran. Es geht über die Hügel und runter ins Wesertal, durch Bodenwerder und Rühle, Richtung Burg Polle. Wir gleiten kraftvoll durch die Landschaft. In den engen Kurven schleift es dann und wann. Ich werde immer vorsichtiger. Die Straßen sind zum Teil arg wellig. (Wegen uns? Sollte der Testbericht mit den Wellen im Asphalt nicht zu viel versprochen haben?)
Die Dicke nimmt die elenden Bodenwellen viel entspannter als die X1. Ich bin hier damals regelrecht von Wellenkrone zu Wellenkrone gehüpft. Heute gleite ich wie auf einem Surfbrett dahin. Ich bin wieder versöhnt. Sie hat wirklich Druck und ich bin mir sicher, die Jungs vom Stammtisch würden kein Land sehen, gegen Walküre und mich. Unser Schatten wird sich über sie und ihre BUELLs legen und sie werden uns anschließend huldigen (ob X-Race-Ralf mir auch hierfür ordentliche Fußrasten macht?).

Inzwischen bin ich an der Weserfähre. Wir setzen über. Schnell ein Foto machen.
Beim Verlassen der Fähre geht mir auf der Metallrampe ordentlich der Hinterreifen weg. Ups! Sachte, sachte, mit der Kraft. (Ist mir bei X1 nie passiert. Grins)
Ich halte kurz oben an der Hauptstraße an. Ein Fußgänger hält maulaffenfeil. Ich winke den Wicht ran und nötige ihn mir die Uhrzeit zu nennen. Er tut wie ihm geheißen und verschlingt mein Schlachtross mit den Augen. „Eine schicke Maschine hast Du da“, sagt er noch, bevor ich den Zweizylinder kurz aufbrüllen lasse. (Ja, das geht wirklich!)
Wir müssen heim, ins Walkürenreich. Schade. Der Köterberg muss warten. (Mit der nicht ausreichenden Bodenfreiheit würde ich da eh wieder Probleme bekommen.)

Pünktlich treffen wir in der Schlachtross-Schmiede ein und ich bringe die MT-01 bis in die Werkstatt. (Ätsch – ich kann das Ding manövrieren!)
Ich würge an meinem Helm-Verschluss rum und überlege, wie ich dem Herrn klar mache, dass er mir einen Finanzierungs-Vorschlag machen muss, den auch eine allein erziehende Mutter von vier kleinen Kindern noch tragen können müsste.

Der wichtige Herr von vorhin grinst mich an. „Und? Wie war es?“
Ich nörgele was von mangelnder Bodenfreiheit, gebe mich aber ungeschönt begeistert. Ich schwärme von dem Durchzug, der gleich bleibend ansteigenden Drehmoment-Kurve und den langen Armen, die man beim Rausbeschleunigen bekommt. Der Herr grinst mich siegessicher an und faselt was von Rennstrecke und BUELLs verblasen, von Federbein-Abstimmung und Kolbentuning. Ich versuche erstmal runter zu kommen und ziehe mich wieder um. Als ich wieder in der Werkstatt komme, begutachtet der eine wichtige Herr die Maschine. Ich schaue mir die Fußrasten an. Die sind deutlich abgeschliffen. Mein Blick gleitet an der rechten Seite entlang zu den gewaltigen Krümmern – und ich sehe Kratzer. Kratzer an der Krümmer-Verkleidung, Schürfwunden in der veredelten Oberfläche auf dem gesamten unteren Bereich der Krümmer-Anlage. Scheiße!

In mir steigt Panik auf. Der seltsam bürokratische Herr, der mit mir den Mietvertrag gemacht hat, sieht mich an. Er folgt meinem Blick und bemerkt das Desaster. Ich werde rot – er wird sauer.
Er legt los: „Tja, so ist das, wenn man etwas benutzt, was nicht das Eigene ist. Dann ist einem alles egal. Dann muss man keine Rücksicht nehmen. Dann geht halt was kaputt.“
Er schäumt förmlich und schwallt zu mir runter. Ich knie neben dem Mopped, das noch begeistert knackt und ausdampft und möchte die Zeit zurückdrehen. (Ich habe doch nichts Böses gemacht.)

…Man wird einen Glanz in den Augen bekommen, wie man ihn zuletzt als kleiner Junge angesichts des geschmückten Christbaums erlebte. Beim Fahren, beim Betrachten und beim Bad und der Menge sowieso. Und man wird keinem einzigen der 13.295 Euro hinterherweinen… (Bericht Tourenfahrer 4/2005)

Ich könnte heulen. Nicht weinen – heulen!

Während der Kerl weiter seinen schwachsinnigen Redeschwall über mir ausgießt, möchte ich im Boden versinken. Ich komme mir vor, als hätte ich gerade auf sein Lieblingsmeerschweinchen getreten, als hätte ich zu seiner Frau Dumme Schlampe gesagt, als hätte ich ihm das Wohnzimmer vollgekotzt.

Der Mann hört nicht auf. Er redet von Vertrag und Gutachten und Eigenbeteiligung und Teilkasko. (Ich würde jetzt gerne auf seinen Wohnzimmerteppich…)
Seine Worte treffen mich wie Pfeile aus dem Hinterhalt. (Verdammt! Ich wollte doch nichts weiter als Fahren! Was kann ich denn dafür, dass Ihr mir den Mund wässrig gemacht habt, und die fette MT-01 einfach nicht das kann, was Ihr versprochen habt. Was glaubt Ihr denn, was ich meinte, als ich sagte, dass ich an meiner BUELL höher verlegte Rasten hatte? Dass ich gerne aufrecht durch die Kurve fahre?? Was geht hier für eine Nummer ab?)

Der Herr geht nach vorne in den Laden. Ich folge ihm wie ein begossener Pudel. Er dreht sich um und nölt mich an: „Sie brauchen nicht warten, jetzt haben wir eh keine Zeit, den Schaden zu schätzen. Wenn wir ein Gutachten haben, werden wir Ihnen die Schadenssumme mitteilen.“
Ich wende mich fassungslos ab und gehe durch die Werkstatt zurück zur geschändeten Walküre. Auf dem Weg treffe ich den Herrn in Yamaha-Kluft, der mir das Bike überschwänglich an Herz gelegt hat. Er schwallt gleich wieder los, redet was von sportliches Bike (har, har).
Ich gehe mit ihm zur Walküre und zeige ihm die Kratzer. Er geht in die Hocke und kriegt erstmal den Mund nicht mehr zu.

Ich gehe auch runter, um zu gucken, ob jetzt noch ein schlimmeres Verbrechen entdeckt wurde. Er richtet sich auf und fängt an auf mich runterzulabern. „Ja, wenn da so eine leichte Person wie Du drauf sitzt, dann hätte die Federvorspannung härter sein müssen, das Bike ist für schwere Fahrer eingestellt … die Schwinge taucht zu tief ein… (ich überlege angestrengt, wo da die Logik ist) …das ist so mit Bodenwellen … wenn man eine solche Straßenmaschine unbedingt unter Rennstreckenbedingungen fahren muss … das ist ein Dragster und keine Rennmaschine … die fährt man nicht wie eine … blabla. (Ob der auch ein neues Muster auf seinem Wohnzimmerteppich…) Mir ist schlecht, auch ohne Frühstück.

Ich beteure, dass ich wirklich nicht überdurchschnittlich brutal gefahren bin. Während der Mann noch Verstärkung durch weitere Herren bekommt und alle fassungslos auf mich runter sehen. „So etwas hat noch keiner geschafft … ich bin die schon selbst gefahren … und mein Sohn (der ist Rennfahrer…!) hat die auch schon gefahren … ich kann es nicht fassen, wie Du das hingekriegt hast…“ Er prüft Lenkerende und Bremshebel nach eventuellen Unfallspuren. (Nein, ich habe sie nicht hingeschmissen.)
„Es spricht ja für Deine Fahrkünste, wenn Du die Maschine so runterbringst…“ (Bahnhof…)

Ach, was soll ich sagen?
Dieser Ausritt in die Welt der japanischen Wundermaschinen war mir eine Lehre.
Sollen die Yamaha-Verkäufer dieser Welt doch gestohlen bleiben! Ich werde bestimmt kein Walküren-Mopped kaufen, das bei der nächsten schönen Kurve die dicken Brüste auf die Straße schmeißt – und wenn es noch so viel Kraftentfaltung bietet.
Wenn ich jetzt tatsächlich den Schaden bezahlen soll, dann weiß ich nicht, womit ich das verdient habe. Die Herren schwärmten von ihrer sportlichen Wunderwaffe, die Medien überschlagen sich mit ihren Lobeshymnen und dann geht das Ding in der ersten richtigen Kurve gleich auf den Asphalt wie eine schrullige Boxer-BMW.
Ich bin bedient!

Ich kann alle BUELLer nur warnen: Tut nicht, was ich nicht lassen konnte.
Die MT-01 ist nur was für den Freitag Nachmittag, um die Georgstraße polizeikontrollengerecht rauf und runter zu gurken.
Meidet richtige Kurven um jeden Preis!
Und zweifelt die prahlerischen Aussagen von Yamaha-Verkäufern an.

So wild kann ich schließlich und endlich gar nicht gefahren sein – ich bin doch bloß EINE FRAU…

© Thekla Leinemann · 2005

Wen es interessiert, wie die Zeitschrift MOTORRAD das Bike damals angepriesen hat. Hier der Link zum Online-Testbereicht.