„Weißt du das alles aus seiner Akte?“, unterbrach ich meine Mutter barsch. Ich wollte diese Sachen eigentlich nicht hören.

„Ja. Und darin standen noch ungefähr einhundert weitere Delikte aufgelistet“, fuhr meine Mutter unbeirrt fort. „Er war ja auch nicht nur hier in Frankfurt aktiv. Seine Spur zieht sich durch ganz Deutschland. Und wer weiß, was er alles noch im Ausland angerichtet hat oder in welchen Kreisen er noch so verkehrt. Sein Name taucht ständig im Zusammenhang mit schweren Verbrechen auf und du kannst sicher sein, dass er dir die Wahrheit verschweigt, Lara.“

„Ich weiß. Aber man kann ihn nicht allein nach seiner Polizeiakte beurteilen. Hätte das BKA ihm etwas nachweisen können, wäre er bestimmt nicht auf freiem Fuß. Ich kenne ihn nun mal besser als die ganzen Beamten, die ihn verhaftet und verhört haben. Glaubst du, dass er den Polizisten gesagt hat, was in ihm vor geht? Kann jemand von denen nachvollziehen, wie es ist, wenn man seinen Vater nicht kennenlernen durfte und wenn man miterleben musste, wie die eigene Mutter an ihrem Alkoholkonsum zu Grunde geht? Kannst du das? Meinst du, er hat jemals die Gelegenheit gehabt, seine sensible Seite zu zeigen? Seine verletzliche Seite…? Kannst du dir denn nicht vorstellen, dass ein Junge, der so aufwächst, vielleicht nichts anderes gelernt hat, als sich irgendwie durchzuschlagen? Dass er auf die vorbildliche Gesellschaft pfeift? Er hat noch eine ganz andere Seite als die, die in seiner Polizeiakte beschrieben ist…!“

Komisch, auf einmal schien es mir, als ob ich dich für die Dinge verteidige, über die ich mich selbst so oft geärgert habe. Obwohl es schon die ganze Zeit offen vor mir lag, wurde mir erst durch den Streit mit meiner Mutter bewusst, dass du wahrscheinlich tatsächlich nicht gelernt hattest, deine sanfte Seite zu zeigen. In unseren Gesprächen hattest du nie einen Hehl daraus gemacht, dass du von unserer Gesellschaft nichts hältst. Du meintest, sie müsste komplett neu strukturiert werden, denn so lange es soziale Ungerechtigkeit gibt und Kinder aus den unteren Schichten oder Randgesellschaften keine Chance auf Anerkennung und einen guten Platz in der Gesellschaft haben, wird es immer so weiter gehen. Sie werden sich verbünden und ein Gegengewicht zu den Kriminellen in den Aufsichtsräten bilden. Ich konnte deinen Standpunkt zwar nicht hundertprozentig unterstützen, weil viele kriminelle Organisationen und Banden ja aus einem Selbstzweck heraus agieren und nicht gegen das Establishment protestieren, aber ich verstand, worum es dir ging, denke ich.

Meine Mutter riss mich aus meinen Gedanken. „Seine verletzliche Seite hätte er zeigen können, indem er seine Straftaten bereut und seine kriminelle Laufbahn beendet. Außerdem ist eine schwere Kindheit kein Freifahrschein für Skrupellosigkeit. Dieser Mann ist doch kein Opfer seiner Herkunft. Er war auf dem Gymnasium, er hatte seine Chance auf eine gute Karriere. Stattdessen hat er seine Mitschüler zum Drogenhandel angestiftet und ihre Zukunftschancen dadurch gleich mit in Gefahr gebracht. Seine kriminelle Energie ist nicht ohne, meine Tochter.“

Textauszug Kapitel 31, Amors Kriegerin