Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her, um dich besser sehen zu können und wartete ungeduldig darauf, dass du dich deiner Biker-Maskierung entledigst. Vicky bemerkte meine Neugier und verpasste Eliza einen Knuff in die Seite. „Guck mal, Lara kippt gleich aus den Stilettos, wegen dem Lederboy“.
Ich ignorierte Vickys Stichelei und versuchte dich nicht aus den Augen zu verlieren, denn einige der besonders fies aussehenden Biker gingen zu dir rüber, um dich lautstark und schulterklopfend zu begrüßen. Angesichts der finsteren Typen mutmaßte ich, dass du trotz der schicken Figur nicht in mein Beuteschema passen würdest und wollte mich schon enttäuscht abwenden, doch unter Helm, Dreieckstuch und Sonnenbrille kam ein so hinreißendes jungenhaftes Gesicht mit einem so umwerfenden Lächeln zu tage, dass ich bei dem Anblick wirklich beinahe aus den Louboutins gekippt wäre.
Deine fast schwarzen Augen mit den dichten Wimpern, die schön geschwungenen Augenbrauen, der breite, sinnliche Mund, die prägnante Nasenform und das Grübchen am Kinn waren einfach zu schön, für einen finsteren Biker. Trotz des verwegenen Dreitagebartes hatte dein Gesicht einen femininen Touch, was ich in der Gesamtkonstellation atemberaubend sexy fand.
Mit einer eleganten Geste zogst du deine kurzen, fingerlosen Wildlederhandschuhe aus und öffnetest dein Haarband, um deine fast schwarzen Locken auszuschütteln. Ich war wie vom Donner gerührt.

„Der ist doch schwul…“, meinte Eliza provozierend.
„Nein“, kam es von Vicky, „guck dir an, wie er seine Haare schüttelt und dabei abcheckt, ob er gesehen wird. Er ist ein totaler Macho.“
„Dann ist er halt ein schwuler Macho… hi, hi, hi…“ Vicky und Eliza kicherten wie kleine Schulmädchen.
Ich wollte nicht, dass sie über dich lästern und sagte: „Ihr habt doch keine Augen im Kopf, Mädels. Der Typ ist `ne Wucht.“
Vicky legte ihre Hand auf meine Stirn und machte ein besorgtes Gesicht. „Lara hat hohes Fieber und muss sofort in medizinische Behandlung, Schwester Elizabeth“, sagte sie und schon mussten sich die beiden wieder vor Lachen biegen. Ich fand das völlig daneben und konzentrierte mich lieber auf deinen erfreulichen Anblick.
So ein besonderes Exemplar wie du war mir noch nie unter die Augen gekommen. Ich fragte mich umgehend, wie sich ein so schöner Mann mit einem so fantastischen Lächeln und perfekten Zähnen in Bikerkreisen aufhalten kann. Warst du ein Zahnarzt in Verkleidung? Harley fahrende Zahnärzte gibt es ja nicht gerade wenige.

Weil Vicky und Eliza im Zwiegespräch vertieft waren, unterzog ich dein Outfit noch mal einer genaueren Inspektion und kam schließlich zu dem Ergebnis, dass du Geschmack und Stil hast. Deine enge Weste aus edlem Antikleder, die wie eine Corsage seitlich geschnürt war, betonte deinen schlanken Oberkörper und die breiten Schultern, die schmal geschnittene schwarze Lederhose ließ deinen knackigen Hintern und deine langen Beine zur Geltung kommen. Die verschiedenen silbernen Schmuckstücke, die du an schwarzen Lederbändern um die Handgelenke und den Hals geschlungen trugst, glänzten mit der riesigen silbernen Gürtelschnalle im Licht der Abendsonne um die Wette. Auch deine schweren Bikerboots waren eindeutig nicht aus dem Schnäppchenmarkt. Wow! War ich beeindruckt!

Unweigerlich verspürte ich den Drang, dem Geheimnis deiner Erscheinung auf den Grund zu gehen. Und weil ich nun mal eine Frau der Tat bin, begann ich auch umgehend mit der Planung eines Eroberungsfeldzuges, in den ich meine Mädels einbinden wollte. Allerdings kam das bei Vicky und Eliza gar nicht gut an. Durch mein Interesse an dir war aus unserem Bad-Taste-Abend plötzlich ein Bad-Reality-Abend geworden und das wollten die Zwei nicht hinnehmen.
„Du kannst dich doch nicht im Ernst für einen langhaarigen Rocker interessieren, Lara…“, kam es von Vicky, die in ihrer Handtasche zu wühlen begann als ob sie da eine Erklärung für mein Verhalten finden würde.
Eliza fixierte dich und deine Gruppe aus finsteren Kerlen mit herablassender Miene und sagte: „Er ist ja wirklich schnuckelig gebaut, aber dieses peinliche Outfit … und erst diese Typen, mit denen er sich abgibt… Ey, Lara, spinnst du jetzt total…?“
„Danke!“, dachte ich, „Wenn man euch schon mal braucht…“. Ich ließ die rhetorische Frage von Eliza unkommentiert und schmollte in mich hinein.